Nicht wirklich süß

23.12.2020 - Von: Claudia Weinig, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

Lebensstil hilft mit, die ZUCKERKRANKHEIT zu umgehen.   In einer kleinen Serie steht (wie berichtet) der internistische Chefarzt der Kreisklinik Roth, PD Dr. med. habil. Thomas Anger Rede und Antwort zu verschiedenen „Volkskrankheiten“; also zu Diagnosen, die häufig gestellt werden. Im Folgenden greift Anger, zusammen mit seinem Kollegen Dr. Andreas Stegmaier, Chefarzt für Innere Medizin in der Rother Kreisklinik, im Interview „Diabetes“ auf – im Volksmund auch „Zucker“ genannt.

Dr. med. habil. Thomas Anger ist Chefarzt der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie in der Rother Kreisklinik. Als Internist behandelt er auch Diabetes-Patienten stationär, wenn diese medikamentös eingestellt werden müssen. Das „Wie“ ist in jedem Fall individuell zu entscheiden.


Herr Dr. Anger, Herr Dr. Stegmaier, wie merkt man eigentlich, dass man„Zucker“ hat. Denn wirklich weh tut ein falscher Blutzuckerwert doch nicht. Oder doch?
Nein, weh tut die Zuckerkrankheit am Anfang nicht. Die Diagnose wird oft sehr spät gestellt. Meistens dann, wenn sich der Patient aufgrund des zu hohen Blutzuckers schon wirklich elend fühlt. Symptome sind häufiges Wasserlassen, permanent Durst, häufige Infektionserkrankungen, rasche Verschlechterung des Sehens mit Verschwommen- sehen, Gewichtsverlust, Schwitzen bis zu neurologischen Ausfällen und Bewusstlosigkeit, Unwohlsein bis zum Erbrechen. Also alles im allem sind das eher unspezifische Symptome, die auf den ersten Blick nicht gerade direkt auf eine Zuckererkrankung hindeuten.

Gemeinhin wird Typ 2-Diabetes auch gleichgesetzt mit „dick“ und „ungesunde Ernährung“. Was ist an diesen beiden Klischees dran?
Das Unvermögen den Blutzucker richtig zu verdauen, entwickelt sich beim Typ 2 erkrankten Patienten durch unterschiedliche Risikofaktoren. Dabei gelten ungesunde Ernährung im Sinn von einer zu zuckerreichen Ernährung in Verbindung mit Übergewicht und zu wenig Bewegung als wesentliche Faktoren, die die Entstehung der Zuckererkrankung direkt begünstigen.

Was ist gemeiner: Typ 1- oder Typ 2-Diabetes?
Schwere Frage. Der Typ 1-Patient ist jung, muss sich an die Zucker-Diät halten, den Blutzucker permanent messen und entsprechend Insulin mehrmals täglich substituieren – sein ganzes Leben.
Beim Typ 2-Diabetiker spielt der Erbfaktor schon auch eine Rolle. Eine Zuckererkrankung bei den Eltern ergibt ein Risiko von 50 Prozent, selbst an Diabetes zu erkranken.
Hier wird Diabetes irgendwann sozusagen aus dem Schlaf geweckt und macht sich erst wieder nicht oder kaum mehr bemerkbar, wenn der Patient sein Leben komplett umstellt. Wir als Mediziner denken, dass es kein „gemeiner“ zwischen Typ 1 und 2 gibt, sondern nur eine Umstellung der Lebensweise, die eben früh im Leben oder spät geschehen muss. Ob diese Umstellung als ,gemein‘ angesehen werden kann, sei dahin gestellt.

Wie stark sehen Sie die Einschränkungen an Lebensqualität, wenn man die Diagnose „Diabetes“ bekommt?
Natürlich geht es darum, ein Leben zu führen, dass dem Diabetes nicht noch weiter Nahrung gibt. Ob das starke Einschränkungen sind, ist wirklich die Frage, wenn man die schwerwiegenden Konsequenzen von Diabetes im Blick behält. Das sind Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusserkrankung, Herzschwäche, Muskelschwäche, Blindheit, Nierenerkrankung mit Dialyse. All diese Erkrankungen sind Folge der Erkrankung.

Was empfehlen Sie Eltern von Diabetes-Kindern, die ja lernen müssen, mit dieser lebenslänglichen Erkrankung zu leben.
Man sollte bei einem jungen Diabetiker so früh wie möglich damit beginnen, über die Erkrankung aufzuklären und im Umgang damit zu schulen. Kinder wachsen mit ihrem Diabetes und den entsprechenden Lebensumständen auf. Für die Kinder gehört es zum Alltag mit der Krankheit umzugehen. Das ergibt eine gewisse Routine. Aber oft rebellieren Kinder, wie das in der Pubertät halt so ist, gegen die chronische Erkrankung und versuchen, diese zu ignorieren. Das macht die Behandlung dann schwierig. Die beiden Fachdiabetologen Frau Dr. Fischer und Frau Dr. Keck der Kreisklinik Roth (beide Abteilung Innere Medizin), können das aus ihrer Erfahrung bestätigen. Sie leiten entsprechende Schulungen und wissen, dass gute Information die wesentliche Basis für eine gute Mitarbeit des Patienten ist. In jedem Alter.

Kann man geheilt werden?
Diabetes mellitus Typ 1 kann nur mit einer Bauchspeicheldrüsen-Transplantation geheilt werden, sonst nicht – und das wird nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, denn die Folgen der Transplantation und der medikamentöse Aufwand sind lebenslänglich immens.

Diabetes mellitus Typ 2 kann, wenn frühzeitig erkannt, alleine durch Körpergewichtsreduktion, körperliche Aktivität (Ausdauersport, zum Beispiel Nordic Walking) und durch eine diabetische Diät so unter Kontrolle gebracht werden, dass weder Tabletten noch eine Insulingabe notwendig wird – das ist allerdings sehr selten, da diese Erkrankung eben leider nicht frühzeitig erkannt wird. Das Ziel beim Typ 2 Diabetes liegt also im Lifestyle Management.

Welche drei wichtigsten Empfehlungen geben Sie Typ1-Patienten?
Zuckererkrankung sehr ernst nehmen! Sie ist ein lebenslanger Wegbegleiter. Eine körperliche Aktivität als Ausdauersport ausüben und auf jeden Fall den Blutzucker immer im Normbereich halten – mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Und es gibt inzwischen viele Möglichkeiten der Kontrolle und Überwachung des Blutzuckers eines Patienten – sogar übers Handy.

Und welche für Typ 2-Patienten?
Körpergewichtsreduktion, körperlicher Ausdauersport und diabetische Diät unter dauernder Schulung und Kontrolle verlängern das Leben.

Welche Hilfsangebote gibt es von Seiten der Kreisklinik Roth bzw. welche würden Sie prinzipiell empfehlen?
Die Kreisklinik Roth bietet außerhalb der Covid-19-Zeiten regelmäßige Schulungen für Patienten unter der Leitung von Frau OÄ Dr. Fischer und Frau OÄ Dr. Keck im Gesundheitszentrum 1 an, die von Seiten der Patienten gerne angenommen werden. Diese Schulungen sind für jedes Alter sehr empfehlenswert.

Eine stationäre Blutzucker-Einstellung ist oft nicht notwendig und meistens nur im Notfall bei komplett entgleister Blutzucker-Erkrankung oder zur Neu-Einstellung bei Erstdiagnose eines Diabetes mellitus notwendig.


DIABETES MELLITUS IN KÜRZE

Zwei unterschiedliche Typen – eine Diagnose

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ist ein Überbegriff für verschiedeneStörungen des Stoffwechsels. Allen gemeinsam ist,dass siezu erhöhten Blutzuckerwerten führen, weil die Patientinnen und Patienten einen Mangel am Hormon Insulin haben und/oder die Insulinwirkung vermindert ist. Medizinisch unterscheidet man verschiedeneDiabetes- Formen. Die Hauptformen sind der Typ-1- und der Typ-2-Diabetes mellitus. In Deutschland leiden etwa 7,2 Prozent der Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren an Diabetes mellitus. Rund 90 bis 95 Prozent davon sind an Typ-2-Diabetes erkrankt.

Typ-1-Diabetes
Wird durch einen absoluten Mangel des Hormons Insulin verursacht, dieser Diabetestyp heißt deshalb auch insulinabhängiger Diabetes mellitus; – wird durch ein absolutes Versagen der Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren, verursacht; – beginnt meist im Kindes- und Jugendalter, ist bisher nicht heilbar, so dass die Patientinnen und Patienten ihr ganzes Leben lang Insulin spritzen müssen.

Typ-2-Diabetes
Entsteht zum einen durch eine verminderte Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin (Insulinresistenz), zum anderen führt eine jahrelange Überproduktion von Insulin zu einer „Erschöpfung“ der insulinproduzierenden Zellen (die Bauchspeicheldrüse kann nicht genügend Insulin für den erhöhten Bedarf liefern); – beginnt meist schleichend; – wurde früher auch als „Altersdiabetes“ bezeichnet, jedoch erkranken in den vergangenen Jahren auch zunehmend junge Erwachsene, sogar Jugendliche daran; – Neben einer erblichen Veranlagung gelten Übergewicht und Bewegungsmangel als die wichtigsten Verursacher eines Typ-2-Diabetes.

Es stehen verschiedene Therapiebausteine zur Verfügung. Am wichtigsten sind zunächst regelmäßige Bewegung, angepasste Ernährung und ein normales Körpergewicht.

( Quelle: Bundesministerium für Gesundhei t)