Naturerlebnis in vier Wänden

09.05.2019 - Von: Simon Fischer, Hilpoltsteiner Kurier

Einzigartiges Forschungsprojekt an der Kreisklinik Roth gestartet - Umweltprojektion soll Patienten mehr Wohlbefinden bringen.

Roth (HK) Donnerstagmorgen auf der Station für Geriatrische Rehabilitation an der Kreisklinik Roth. In einem Raum am Ende des Flurs sitzt ein älterer Herr auf einem Holzstuhl. Um ihn herum eine aufwendige Installation aus sechs großen Leinwänden. Die Fenster sind verdunkelt. "Jetzt lege ich ihnen noch unserer Messinstrumente an", sagt ein junger Mann und holt ein kleines Kästchen mit rund zehn Schläuchen hervor. Vorsichtig klippst er die einzelnen Endstücke an die Finger des Senioren.

Die Kreisklinik Roth ist seit dieser Woche der Schauplatz einer einzigartigen Forschung. Ein Team der Hochschule Ansbach um den Medienprofessor Cornelius Pöpel hat seine Projektarbeit aufgebaut und testet sie erstmals in einem Krankenhaus. Sie besteht aus sechs gleichgroßen Leinwänden, die zu einem Sechseck aufgebaut werden. In der Mitte nimmt der Proband Platz. Für 15 Minuten taucht er dann ab in eine Welt der Geräusche. 14 Lautsprecher und sechs Beamer, die Bilder an die Leinwände werfen, sorgen für ein 360-Grad-Erlebnis der besonderen Art. Passend zu den Geräuschen von Fauna und Flora aus dem Landkreis und anderen Regionen, werden Standbilder gezeigt.

Der Ton steht dabei aber im Fokus. "Wir sind eine Augengesellschaft", sagt Professor Pöpel. Wir erleben die Dinge meist visuell. Ziel der Multimediainstallation sei es, gerade bei älteren Menschen Gefühle zu wecken. Gerade Seniorinnen und Senioren mit Gehbehinderungen oder einer Demenz kommen oft nicht mehr hinaus in die Natur. Mit der Projektion soll ihnen ein angenehmes Erlebnis geschaffen werden. Passend dazu auch der Name des Projekts: ILERo. Die Abkürzung steht für "Immersive Listening Experience Room". Also ein mit virtueller Realität hervorgerufener Hörerlebnisraum.
Damit das Hörerlebnis auch authentisch ist, war Pöpel zusammen mit den Studierenden lange Zeit mit komplexen Aufnahmegeräten in der Natur unterwegs. Die Geräusche sollen schließlich echt sein und nicht künstlich am Computer erstellt werden. "Es ist schon faszinierend. Bäume im Herbst klingen zum Beispiel ganz anders als Bäume im Frühling", schwärmt der Professor für Multimedia und Kommunikation an der Hochschule Ansbach.

Schon seit Anfang 2018 arbeiten er und sein das Team an dem Vorhaben. Beteiligt sind an dem virtuellen Raum nicht nur Hochschulmitarbeiter und Studierende, sondern auch ausländische Universitäten. 2014 bekam Pöpel eine Einladung vom US-amerikanischen Wissenschaftler Garth Paine. Der Lehrstuhlinhaber aus den USA hatte damals die Grundidee. Seitdem arbeiten die Universität und die Hochschule zusammen. Dritter im Bunde ist eine Universität aus Chile. Ein Austauschstudent ist derzeit in Ansbach und begleitet das Projekt an der Rother Kreisklinik.

Das Krankenhaus meldete sich nach einer Ausschreibung der Hochschule Ansbach und zeigte großes Interesse an der Multimediainstallation. Werner Rupp, Vorstand der Kreisklinik Roth, sieht in der Virtuellen Realität großes Potenzial für den therapeutischen Bereich. Auch Katja Reeg war von der Idee gleich angetan. Die Rother Stationsärztin begleitet die Forschungsreihe mit. Seniorinnen und Senioren erzählen ihr oft von ihrem Garten und der wunderschönen Natur. Es komme auch vor, dass an Demenz erkrankte Patienten zum "Wandern" weglaufen, so Reeg. Sie erinnern sich dann beispielsweise an schöne Wanderungen mit dem verstorbenen Lebensgefährten in der Natur. "Ich bin sehr gespannt wie es ankommt", sagt Reeg.

Gespannt ist auch Professor Pöpel und sein Team. Um herauszufinden, wie das Erlebnis bei den Probanden ankommt, müssen diese vorher und nachher einen Fragebogen ausfüllen. Damit kann verglichen werden, ob sie sich nach den 15 Minuten etwas glücklicher fühlen. Zeitgleich bekommen alle Teilnehmer verschiedene Messgeräte an einzelne Finger angelegt. Darüber werden parallel unter anderem Atmung und Blutdruck gemessen. Allgemein werde zur Auswirkung von Geräuschen und virtuellen Realitäten auf das Empfinden von Menschen derzeit viel geforscht, weiß Pöpel. So hätten Studien etwa gezeigt, dass Menschen deutlich weniger Schmerz empfinden, während sie bei einem Verbandswechsel virtuell in eine andere Welt abtauchen können.

Für die erste Testreihe stellt das Hochschulteam insgesamt 14 Seniorinnen und Senioren das Multimediaerlebnis vor. Seit Donnerstagmorgen läuft die Forschung. Die Probanden nehmen dafür einzeln auf dem Stuhl in der Mitte des Sechsecks Platz. Als erster in die audiovisuelle Welt abtauchen durfte Hans-Peter Becker. Er ist derzeit auf der Rehastation in der Rother Kreisklinik untergebracht und hatte sich freiwillig für das Projekt gemeldet. Zwar habe man sich erst einmal ein bisschen sortieren müssen, sagt er, aber dann sei es ein großartiges Erlebnis gewesen. Besonders die Geräusche der quakenden Frösche und der warnenden Amsel haben ihm gefallen. "Einfach wirken lassen, das ist sehr entspannend", zieht er sein Fazit.

Mit den 14 Testprobanden ist die erste Forschungsreihe noch nicht abgeschlossen, sagt Professor Pöpel. Im zweiten Durchgang in einigen Wochen, werde der Raum den Patienten auf der Station frei zur Verfügung stehen. Sie können dann einfach vorbeischauen und in die digitale Welt abtauchen. "Für uns ist es spannend, wie groß das Interesse sein wird", sagt Pöpel. Auch zwischen den Forschungen möchten die Mitarbeiter an der Rother Kreisklinik die Installation nutzen. "Wir möchten einmal eine Gruppentherapie damit ausprobieren", so Ärztin Reeg. In einigen Wochen baut das Hochschulteam die Technik wieder ab und wertet dann die Ergebnisse aus.

Ziel ist es, den Erlebnisraum weiter zu verfeinern. Dafür können Ärzte, Pfleger und Patienten in Roth ihre Wünsche und Ideen einbringen. Ein älterer Herr, der als Zweiter an der Reihe war, hat da auch schon eine konkrete Vorstellung zur Verbesserung. "Ich habe keine Fische gesehen", murmelt er und schleicht leise mit seinem Rollator aus dem Raum. Aufregend fand er das Hörerlebnis aber auf jeden Fall.

Foto: Hans-Peter Becker wird mit Sensoren für die Messung vorbereitet.