Besondere Zuwendung für Menschen mit Alzheimer

30.09.2020 - Von: Text und Foto: Tobias Tschapka

Kreisklinik sucht haupt- und ehrenamtliche Demenzhelfer – „Dieser Nebenbefund stellt uns zunehmend vor Herausforderungen“

In der vergangenen Woche war der Welt-Alzheimer-Tag. Er soll die Öffentlichkeit auf die Situation von Demenz- und Alzheimerkranken und deren Angehörigen aufmerksam machen. Weltweit sind von diesem Krankheitsbild etwa 35 Millionen Menschen betroffen. Aufgrund der inzwischen höheren Lebenserwartung ist die Tendenz weiter steigend. Zurzeit leben in Deutschland geschätzt 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Zwei Drittel davon sind 80 Jahre und älter. Studien sehen voraus, dass in Deutschland im Jahr 2050 mit bis zu drei Millionen Menschen mit Demenz gerechnet werden muss.

Auch das Personal der Rother Kreisklinik wird im Umgang mit Patienten zunehmend mit Krankheitssymptomen dieser Art konfrontiert. „Wobei diese Menschen nicht aufgrund ihrer Demenz, sondern wegen anderer Beschwerden zu uns kommen. Aber dieser Nebenbefund stellt uns zunehmend vor Herausforderungen“, sagt Pflegedienstleiter Dieter Debus. Manchmal fällt erst bei einem Krankenhausaufenthalt auf, dass ein Patient möglicherweise dement ist. In seinem gewohnten Umfeld gelingt es ihm zwar noch, auftretende Gedächtnisstörungen zu kompensieren. In einer ungewohnten Umgebung sind solche Patienten dann aber häufig überfordert, was zu unberechenbarem Verhalten führen kann. Häufig verstehen sie nicht, warum sie sich im Krankenhaus befinden, was sie tun sollen, und was all diese fremden Menschen von ihnen erwarten. Manchmal kehren sogar alte Kriegstraumata zurück, die sie in der Kindheit erlebt haben.

„Aus diesem Grund suchen wir sowohl haupt- als auch ehrenamtliche Demenzhelfer, denn Menschen mit Alzheimer und anderen Formen der Demenz brauchen besondere Zuwendung“, erklärt Debus. Für das Klinikpersonal und auch pflegende Angehörige sei das aufgrund der Arbeitsbelastung nicht immer einfach. Deshalb habe man bereits zwei Betreuungsassistentinnen in Teilzeit angestellt, eine weitere Stelle sei aktuell ausgeschrieben.
Tatjana Freudenreich ist seit April des vergangenen Jahres als Betreuungskraft tätig. Zu ihrem Aufgabenbereich gehören unter anderem das Organisieren und Koordinieren externer Betreuungsangebote wie etwa von der Diakonie. Auch etabliert sie neue Betreuungsformen mit Unterstützung von moderner Technik wie etwa Tablet-PCs. „Es ist faszinierend zu beobachten, wie unbefangen und intuitiv demenzkranke Menschen mit dieser neuen Technik umgehen“, sagt sie.

Darüber hinaus wird mit den Patienten auch gemalt und gebastelt, spazieren gegangen, gelesen und vorgelesen oder es wird mit einfachen Instrumenten musiziert. „Das Ganze darf man sich nicht als bitterernste Sache vorstellen. Die Menschen leben in Erinnerungen aus ihrer Kindheit und freuen sich an den einfachen Dingen des Lebens. Empathie ist das A und O. Und wenn man sich mit der Biografie der Menschen auseinandersetzt, findet man schnell Anknüpfungspunkte“, erläutert Freudenreich den Umgang mit Demenzkranken.
Das kann Waltraud Helmschrott bestätigen, eine von derzeit rund zehn ehrenamtlichen Demenzhelferinnen. „Natürlich darf diese Tätigkeit auch Spaß machen. Mit Demenzkranken kann man normalerweise mehr lachen als mit anderen Kranken“, so ihre Erfahrung. Seit rund 30 Jahren ist sie schon ehrenamtlich an der Kreisklinik tätig. Gewachsen ist ihre Demenzbegleitung aus dem Besuchsdienst heraus, den sie immer noch sehr gerne und mit Leidenschaft ausübt.

„Natürlich besteht ein Qualifikationsunterschied zwischen uns und den professionellen Betreuungskräften“, macht sie deutlich. „Dafür sind wir in unserer Zeiteinteilung frei, machen keinen Nachtdienst, und kommen auch nicht mit besonders verhaltensauffälligen Demenzkranken in Kontakt“, sagt Helmschrott. Aber auch so könne man behandelnde Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger deutlich entlasten.
„Wir suchen Menschen jedes Alters, die den Patienten ihre seelische Bedürfnisse nach Wertschätzung, Trost, Beschäftigung und sozialen Kontakten erfüllen – und das ist häufig viel leichter, als man sich vielleicht vorstellt“, sagt Tatjana Freudenreich. Auch werde die Gesellschaft immer sensibler für das frühere Tabu-Thema, das oft einfach mit Begriffen wie mit „verkalkt“ umschrieben wurde.

Das Rother Krankenhaus bietet für Interessierte demnächst auch wieder eine dreitätige Basisschulung an, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Alzheimergesellschaft erarbeitet worden ist

Die Gewinnung von haupt- und ehrenamtlichen Personal ist aber nur ein Baustein auf dem Weg zu einem demenzfreundlichen Krankenhaus. „Die Kreisklinik investiert bei ihrer derzeitigen Erweiterung nicht zuletzt in eine demenzgerechte Raumplanung. Das geht los bei der Wegführung und dem Beleuchtungssystem der Gänge bis hin zum Rooming-in, bei dem Begleitpersonen bei ihren Angehörigen im Zimmer oder in deren Nähe übernachten können“, erläutert der stellvertretende Pflegedienstleiter Michael Christ.

Basisschulung für ehrenamtliche Demenzbegleiter

Die nächste dreitägige Basisschulung für ehrenamtliche Demenzbegleiter beginnt am Montag, 9. November.
Weitere Schulungstage sind Montag, 23. November, und Freitag, 4. Dezember, ebenfalls von 9 bis 16 Uhr im Gesundheitszentrum 1.

Schulungsinhalte
Vermittelt werden dabei unter anderem die Ursachen und der Verlauf des Krankheitsbildes Demenz, der Umgang und die Kommunikation mit demenziell Erkrankten sowie die praktische Umsetzung im Krankenhaus.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es bei Petra Haderlein unter der Telefonnummer 09171 802-251 oder per E-Mail an p.haderlein@kreisklinik-roth.de