Herzkatheter-Untersuchung: Schaut gefährlicher aus als es ist

19.03.2021 - Von: Claudia Weinig, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

ROTH - Eine Untersuchung des Herzens. Ohne Narkose. Allein der Gedanke daran treibt vielen den Puls hoch. Muss es aber nicht. Im Gegenteil: Eine Herzkatheteruntersuchung kann weitaus Schlimmeres verhindern, ohne wirklich "schlimm" für den Patienten zu sein. Warum, das legt Dr. Thomas Anger in folgendem Interview dar.

Herr Dr. Anger, mit Ihnen als Chefarzt konnte die invasive Herzkatheteruntersuchung an der Rother Kreisklinik neu eingeführt werden. Vielleicht erst mal grundsätzlich: Wann wird einem Patienten eine Katheteruntersuchung empfohlen bzw. ist sie zwingend erforderlich?
Eine invasive Herzkatheteruntersuchung empfiehlt sich immer dann, wenn der Kardiologe (Herzspezialist) denkt, dass eine Herzkranzarterie stenosiert, also verengt ist. Der Verdacht kann basieren auf einer Voruntersuchung, oder aufgrund von Beschwerden des Patienten oder – im schlimmsten Fall – wenn der Patient bereits einen Herzinfarkt hat.

Welche Vorteile hat diese invasive Untersuchung, die ja sozusagen im Körper selbst stattfindet. Und welche speziellen Anforderungen stellt diese an den untersuchenden Arzt?
Der Vorteil ist, dass man Kontrastmittel direkt in die Herzkranzgefäße einbringen und damit eine klare Diagnose stellen kann. Stellt man als Arzt während der Herzkatheter-Untersuchung beispielsweise fest, dass eine Herzkranzarterie verengt ist – was fatale Folgen haben kann – dann kann man diese Engstelle direkt mit einem Ballon erweitern; und dann bei Bedarf einen Stent, also einer Art Gefäßstütze, die die Arterie auf Dauer offen hält, implantieren. Diese Vorgehensweise braucht viel Erfahrung und wird ausschließlich von dafür speziell ausgebildeten Herzspezialisten durchgeführt.

Da gibt es weltweit Mindestanforderungen an Anzahl von Patienten, die der Kardiologe untersuchen muss bis er als "erfahren" gilt. Erst, wenn all diese Mindestanforderungen erfüllt sind, darf der invasiv arbeitende Kardiologe alleine arbeiten und den Patienten selbstständig herzkathetern. Zuvor wird er immer durch einen erfahrenen Kardiologen am Herzkathetertisch begleitet.

Wie sieht die herkömmliche Alternative zur invasiven Methode aus und wann wird diese angewandt?
Die direkte Alternative zur invasiven Herzkatheteruntersuchung und damit zur "Live"-Darstellung der Herzkranzgefäße ist die Kardio-Computertomografie; also die Diagnostik mittels eines Bildes aus der "Röhre". Ganz vereinfacht ausgedrückt: Die Daten, die man auf diesem Weg ermittelt, sind dann doch weniger aussagekräftig als der Herzkatheter, wo sozusagen vor Ort die Situation abgeklärt werden kann. Und: Der Katheter ermöglicht, im Gegensatz zu einem CT, dem Arzt direkt eingreifen zu können. Also zum Beispiel im Zuge der Untersuchung schon einen Stent zu setzen, mit dem sofort ein drohendes Gesundheitsrisiko minimiert werden kann – ohne dass ein weiterer Eingriff notwendig wäre. Bei manchen Herzerkrankungen kann ein CT zu einer fundierten Diagnose einfach nicht verwendet werden.

Der Herzkatheter greift ja doch in den Körper ein. Ist es eine risikoreiche und vielleicht dazu noch schmerzhafte Untersuchung, wie viele Patienten befürchten?
Ganz ehrlich: Wirkliche Schmerzen muss niemand befürchten. Eine kleine lokale Betäubung nimmt den Schmerz bei der Punktion der Arterie. Den Katheter innerhalb der Arterien spürt man tatsächlich so gut wie gar nicht. Weil das nämlich schlichtweg biologisch nicht möglich ist – innerhalb von Adern gibt es keine Schmerzen.

Das Untersuchungsrisiko für den Patienten ist nachweislich gering und medizinisch beherrschbar. Das kann ich versichern. Häufigste Komplikationen sind Blutergüsse an der Einstichstelle sowie Gefäßverletzungen der Leistengefäße.

Zweiteres wird insofern vermieden, weil es mittlerweile Usus ist, den Katheter über die Arm-Arterie einzuführen. Da treten besagte Gefäßverletzungen nicht mehr auf.

Mit dem eigentlichen Herzkatheter selbst kann man – selbstverständlich bei professionellem Umgang – keinen gesundheitlichen Schaden anrichten. Allerdings muss der untersuchende Arzt noch größere Vorsicht walten lassen, wenn wesentliche Vorerkrankungen, zusätzlich zu den Koronaren Herzerkrankungen, bekannt sind; das gilt beispielsweise für Dialyse- oder Diabetes-Patienten.

Wie lange muss man nach einem Herzkatheter im Krankenhaus bleiben?
Geht es nur darum, eine Diagnose zu stellen, geschieht der Eingriff ambulant. Das heißt, der Patient kann etwa sechs Stunden nach Untersuchungsende wieder nach Hause. Sobald der Arzt aber von dieser Grunduntersuchung abweichen muss, weil er beispielsweise ein Gefäß per Ballon geweitet, einen Stent gesetzt hat oder einfach nur der Führungsdraht in einem der Herzkranzarterien war, ist eine Monitorüberwachung für 24 Stunden angezeigt. Der Patient bleibt dann also über Nacht im Krankenhaus und wird am nächsten Tag – Beschwerdefreiheit vorausgesetzt – entlassen.

Lassen Sie uns nochmal zum Thema "Stent setzen" zurück kommen. Was genau passiert da?
Setzt der Arzt einen Stent, implantiert also diese Gefäßverstärkung, ist das eine geeignete Maßnahme, um eine Engstelle in einem Herzkranzgefäß zu beheben. Die modernen Stents, die auch wir hier in der Kreisklinik verwenden, geben ein Medikament an die Gefäßwand der Herzkranzarterie ab. So wird eine weitere Gefäßverengung innerhalb des Stents weitgehendst verhindert.

Wie oft kann man einen Herzkatheter machen?
Ganz einfach und ohne Risiko: so oft der Patient einen braucht.

Angesichts der aktuellen Situation: Machen Sie derzeit überhaupt Katheteruntersuchungen in der Kreisklinik – Stichwort: Corona?
Tatsächlich beschränken wir uns bei den Untersuchungen derzeit auf die wichtigen Fälle, d.h. bei denen der Kardiologe nicht zuwarten möchte, weil er Gefahr im Verzug sieht. Manches darf einfach nicht auf die lange Bank geschoben werden. Trotz Corona.


ZUM THEMA

Eine Herzkatheteruntersuchung ist ein äußerst zuverlässiges Verfahren, um Lage, Form und Schweregrad einer Engstelle in den Herzkranzgefäßen darzustellen. Sie gehört zu den minimal-invasiven Eingriffen und wird unter anderem angewandt bei (drohendem) Herzinfarkt, Herzfehlern und Herzmuskelentzündungen. Dabei wird ein dünner, biegsamer Kunststoffschlauch (der Herzkatheter) über ein Gefäß bis zum Herzen vorgeschoben. Meist wählt der Arzt ein Gefäß in der Leiste oder am Handgelenk aus. Das Einführen des Katheters nennen Mediziner auch "Herzkatheter legen" oder "Herzkatheter setzen". Über diesen Schlauch wird ein Kontrastmittel in die Herzarterie oder die Herzkammern eingespritzt, sodass Herzstrukturen und Gefäße auf dem Röntgenbild via Bildschirm in Echtzeit besser sichtbar werden. Außerdem können mithilfe des Herzkatheters verschiedene Parameter (Druck und Flussgeschwindigkeiten im Herzen) gemessen werden, die über die Arbeitskraft des Herzmuskels Auskunft geben. Der Eingriff erfordert keine Vollnarkose, jedoch kann der Patient ein Beruhigungsmittel einnehmen. Er dauert in etwa weniger als eine halbe Stunde, wenn keine weiteren ärztlichen Maßnahmen notwendig sind (Quelle: www.herzbewusst.de).