Schmerzen mit Skalpell begegnen

08.06.2021 - Von: Claudia Weinig, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

Es ist nicht so, dass Dr. Zakaria AboMostafa bei jedem deformierten Gelenk gleich in Gedanken zum Skalpell greift. Im Gegenteil: Soweit als möglich setzt der Chirurg, der zugleich Orthopäde ist, auf Prävention und konventionelle Therapie. „Nur manchmal gibt es einfach keine Alternative mehr und der Patient braucht ein neues Knie, eine neue Hüfte oder ein Schultergelenk. Weil die Schmerzen sonst unerträglich sind“, sagt AbuMostafa und erklärt im Interview, warum in bestimmten Fällen kein Weg an einer Operation vorbei geht. Und warum es gute Gründe gibt, davor wenig Angst zu haben.

Das Interview führte Claudia Weinig

Herr Dr. AboMostafa - es gibt laut Ärzteblatt Statistiken, die unter anderem besagen, dass Kniegelenksoperationen während der Pandemie um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind. Tut Ihnen das als versierter Operateur nicht selber weh?
In der akuten Pandemiezeit waren die Kliniken – und damit auch wir hier in der Rother Kreisklinik – sehr deutlich dazu angehalten, Operationen, wenn medizinisch vertretbar, zu verschieben; darunter fielen Kniegelenksoperationen. Auch hier bei uns im Haus – wohlwissend um unsere Patienten, von denen eine ganze Reihe an starken Schmerzen im Knie leiden und sich eine baldige operative Versorgung gewünscht hätten.

Wir hätten die Patienten gerne zeitnah operiert. Natürlich tut uns das als Ärzte in der Seele weh, wenn wir in dieser Situation nicht helfen können. Umso mehr bin ich dankbar, dass sich die allgemeine Situation entspannt hat und wir wieder unser ganzes Können und Wissen im gesamten Leistungsspektrum anbieten dürfen.

Ist es gut oder weniger sinnvoll, eine Gelenkoperation – ob Knie, Schulter oder Hüfte – so lange wie es auszuhalten ist, aufzuschieben?
Die Arthrose des Knie-, Hüft- oder Schultergelenkes ist ein langsam fortschreitender Prozess, der sich oft erst nach Jahren bemerkbar macht. Im Bereich der unteren Extremität früher, weil hier die Belastung deutlich stärker ist als in den oberen Extremitäten.

Im deutlich fortgeschrittenen Stadium muss oft die Schmerzmitteleinnahme erhöht werden, die Arthrose zeigt sich in auffallend deformierten Gelenken. Das wiederum hat Bewegungsmangel des Patienten, der ja Schmerzen vermeiden will, zur Folge, was dann zusätzlich schlecht für das Allgemeinbefinden ist. Oder sogar weitere Krankheiten nach sich zieht.
Entscheidet sich der Patient in so einem späten Stadium doch für eine Operation, ist diese oft deutlich aufwändiger als wenn sie zu einem früheren Zeitpunkt durchgeführt werden hätte können.

Ist allein der Grad der Schmerzen, die je nach Patient ja subjektiv unterschiedlich bewertet werden, ausschlaggebend für eine Operation? Oder ab wann sagen Sie als Chirurg: jetzt geht kein Weg mehr an einer OP vorbei?
Das erste Signal für eine Arthrose ist natürlich der Schmerz. Anfangs behandeln sich Betroffene oft zunächst selbst. Mit Salben oder Schmerzmitteln.
Erst wenn die Schmerzen deutlich zunehmen, gehen sie zum Arzt, der dann meistens erst einmal röntgt. Der daraus resultierende radiologische Befund, der Auskunft gibt über den Grad der Arthrose (dazu mehr im Infoteil), zusammen mit dem Schmerzempfinden des Patienten und dessen Alter sind dann entscheidend für eine Operationsempfehlung. Grundsätzlich ist unser Ziel als Ärzte, die endoprothetische Versorgung, also den Gelenkersatz, mittels einer Operation so weit wie möglich hinauszuschieben. Aber bei einer fortgeschrittenen schmerzhaften Arthrose ist eine OP oft die einzige Möglichkeit, um dem Patienten wieder ein Stück Lebensqualität zurück zu geben.

Auch wenn sich die Situation in der Pandemie aktuell entspannt hat. Mancher hat weiterhin Angst, sich im Krankenhaus Covid zu ,holen‘. Wie sehen Sie das als Arzt - sollte man lieber noch die Operation aufschieben, selbst wenn der Arzt diese zum jetzigen Zeitpunkt für notwendig erachtet oder ist das die schlechtere Alternative für einen Arthrose-Patienten?
Trotz der noch immer schwierigen Situation sollte die Medizin nicht stehen bleiben. Das Hygienekonzept des Krankenhauses ist zuverlässig und wird konsequent umgesetzt.
Gerade bei der Arthrose des Hüft- und Kniegelenkes kann eine langfristig aufgeschobene Operation dazu führen, dass die Beschwerden noch mehr werden, wie ich vorhin schon erläutert habe. Stichworte: mehr Schmerzmittel, weniger Bewegung, weitere gesundheitlich schwerwiegende Folgen - neben der Arthrose. Ich denke, das sind gute Gründe, um eine notwendige Operation nicht aufzuschieben.

Sie sind ja nicht nur Chirurg, sondern auch Orthopäde. Schlagen da nicht zwei Herzen in Ihrer Brust zwischen Physiotherapie zum einen, um das eigentliche Gelenk zu erhalten; und dem Wunsch, ein marodes Gelenk durch ein neues oder zumindest durch neue Bestandteile zu ersetzen?
Im Laufe der Jahre habe ich mein Spektrum zunehmend erweitert.

Diese geht über die gesamte Unfallchirurgie und Orthopädie einschließlich der Kinderorthopädie. Daher sehe ich den Bewegungsapparat als Ganzes; d.h. heißt sowohl die Verletzungen des Bewegungsapparates als auch die chronische Erkrankung.
Bei unfallchirurgischen Verletzungen, gerade bei Knochenbrüchen und Sehnenverletzungen, steht meist die operative Versorgung im Vordergrund. In seltenen Fällen die konservative Therapie.
Bei der degenerativen Veränderung, wie bei Arthrosen, ist natürlich entscheidend, in welchem Stadium sich diese befinden, wie ausgeprägt die Beschwerden sind, wie fortgeschritten sind die Gelenkdeformitäten.

Es ist mir und meinem Team wichtig, die Patienten genau zu beraten; das heißt, über das Krankheitsbild genau aufzuklären, das Stadium der Arthrose genau zu benennen und dem Patienten die Behandlungsmethode konservativ beziehungsweise operativ zu erläutern. Ich halte es für wesentlich, den Patienten in die Behandlung einzubeziehen. Natürlich sollten erst die konservative Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden. Erst dann wird der operative Eingriff empfohlen.

Gibt es auch Fälle, wo Sie Patienten trotz deren OP-Wunsch davon abraten?
Ja. Dann nämlich wenn ich zu dem Schluss komme, dass noch nicht alle konservativen Behandlungsmethoden ausgeschöpft sind.
Übrigens: Der operative Eingriff ist auch nur ein Teil der Behandlung. Vor allem die postoperative Behandlung (z. B. Physiotherapie) spielt bei Gelenkersatz eine sehr große Rolle, um das Bestmögliche für den Patienten zu erreichen. Diese beginnt unmittelbarer nach der Operation durch unser geschultes und erfahrenes Klinik-Physiotherapie-Team.

Wie gelingt es, nicht zu Ihnen kommen zu müssen. Sprich: Was kann man dafür tun, um Gelenke, wie Knie, Hüfte oder Schulter, möglichst lange gesund und funktionsfähig zu erhalten?
Die Arthrose der Gelenke ist ein Prozess, der uns alle mehr oder weniger betrifft. Die Arthrose an sich kann man nicht vermeiden. Man kann jedoch versuchen, deren Entwicklung zur verzögern.

Als Kinderorthopäde achte ich natürlich oft auf die Füße und die Beinachse. Eine Achsfehlstellung, besser bekannt als O- oder X-Beine, muss frühzeitig korrigiert werden, weil die Gelenke durch die einseitige Belastung viel schneller und oft gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden. Knie, Hüfte und Wirbelsäule sind davon am meisten betroffen.
Diese Korrektur muss nicht operativ geschehen! Es gibt da einige Alternativen, um spätere schwere oder komplexe Operationen zu vermeiden.

Vor diesem Hintergrund lege ich viel Wert auf die frühzeitige Erkennung und Behandlung. Das häufigste Krankheitsbild, was wir sehen, ist der Knick-Senk-Fuß, der im Kindesalter sehr gut konservativ behandelt werden kann, um später eine komplexe Operation zu vermeiden. Allgemein gilt: sportliche Aktivitäten, gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung sind die besten Mittel gegen eine schnell voranschreitende Arthrose.

Eine medizinisch-persönliche Frage: Was fasziniert Sie an dem Teilbereich der Unfallchirurgie und Orthopädie, dass Sie sich darauf spezialisiert haben?
Ich bin jetzt seit rund 26 Jahren in meinem Beruf als Unfallchirurg und Orthopäde. Mir war schon zu Studienbeginn klar, dass ich unbedingt in diese Fachrichtung wollte. Im Laufe der Jahre habe ich mich in den verschiedensten Aspekten, was die Behandlung des Bewegungsapparats angeht, fort- und weitergebildet.

Mich fasziniert vor allem einerseits die Wiederherstellungschirurgie; das bedeutet, einen gebrochenen Knochen wieder zusammenzusetzen und die Ursprungsstruktur wieder herzustellen, ähnlich einem Puzzle. Und in der Orthopädie gelingt es oft, Gelenkdeformitäten zu korrigieren. Sowohl in der Unfallchirurgie als auch in der Orthopädie ist der Erfolg zeitnah erfassbar und wir freuen uns, wenn die Patienten ihre Mobilität erlangen und ihr Leben schmerzfrei oder zumindest schmerzärmer genießen können.