Vom Applaus ist nicht viel geblieben

14.04.2021 - Von: Monika Meyer, Hilpoltsteiner Kurier Fotos: Kreisklinik Roth

Interview mit Pflegedienstleiter Dieter Debus über die Situation in der Rother Kreisklinik

Hilpoltstein/Roth – Corona und kein Ende. Die Pandemie trifft das Pflegepersonal in Krankenhäusern besonders hart, wie Dieter Debus zu berichten weiß. Der 55-Jährige ist 1987 nach seiner Pflegeausbildung im nordrheinwestfälischen Oberhausen an die Kreisklinik nach Roth gewechselt. Dort ist er seit 2011 als Pflegedienstleiter verantwortlich für 300 Mitarbeitende sowie 80 Auszubildende im Praxiseinsatz.

Herr Debus, in der ersten Hochphase der Pandemie gab es Applaus für das Pflegepersonal von Kliniken. Was ist davon übrig geblieben?
Dieter Debus: Das stimmt, in der ersten Phase gab es viel Applaus. Menschen sind zu uns gekommen, haben uns selbstgenähte Masken gebracht, auch Pizza, Eis und Kaffee. Die bayerische Staatsregierung hat uns kostenlose Mittagessen spendiert. Die Anteilnahme war groß. Die Menschen standen wohl unter dem Eindruck der Bilder von Bergamo, die erschöpfte Pflegekräfte und viele verstorbene Menschen zeigten.

Das hat aber nicht angehalten?
Debus: In der zweiten Welle ist es sehr viel ruhiger geworden, obwohl wir doppelt so viele Patienten hatten. Aber die Bevölkerung war wohl selbst gezeichnet von den vielen Lockdowns, den geschlossenen Schulen und der Länge der Pandemie. Wenn ich aber mit Angehörigen oder Freunden gesprochen habe, habe ich immer viel Wertschätzung und Respekt gespürt: ,Toll, dass ihr das macht‘, haben die gesagt. Aber was bleibt davon?

Ja, was bleibt davon?
Debus: Das ist ein wenig wie am Muttertag. Da gibt es einen großen Blumenstrauß, aber was ist mit dem Rest des Jahres? Für uns bleibt eine hohe Arbeitsbelastung.

Was müsste sich denn ändern?
Debus: Wenn man den Pflegeberuf erlernt, hat man das Ziel, Patienten professionell, gut und mit viel Zeit zu pflegen. Die Zeit ist das Stichwort, man braucht viel Zeit und die ist oft knapp – gerade in der Pandemie wurde das deutlich. Das hat unsere Mitarbeiter oft an die Belastungsgrenze gebracht.

Können Sie das konkreter schildern?
Debus: Natürlich hatten wir auch vorher mit infektiösen Krankheiten zu tun. Aber es geht unheimlich viel Zeit drauf für die Hygienemaßnahmen. Alleine die spezielle Schutzkleidung, die man immer wieder wechseln muss, ist ein riesiger Belastungsfaktor. Unsere Mitarbeiter geben wirklich alles, aber das ist körperlich schon sehr anstrengend. Da schwitzt man gewaltig und muss sich in der Pause erst einmal duschen, bevor es weitergeht.

Die Pflegearbeit in der Pandemie ist doch sicherlich nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastung?
Debus: In Spitzenzeiten hatten wir bis zu 38 Covid-Patienten, jeder hustet, hat Fieber, braucht Sauerstoff. Dafür benötigt man Personal, wir haben sogar Mitarbeiter aus anderen Abteilungen in die Covid-Station versetzen müssen. Zusätzlich hatte man im Hinterkopf: Stecke ich mich selber an, trage ich das Virus heim in meine Familie? Bin ich am Ende selber schuld daran, wenn es mir passiert?

Welche Warnzeichen psychischer Überbelastung gibt es, auf die Sie als Pflegedienstleiter bei ihrem Team achten müssen?
Debus: Bei den Schichtwechseln oder Teambesprechungen merkt man, ob da noch gelacht wird oder alle völlig erschöpft sind. Auch der Krankenstand ist ein Hinweis. Ich bin natürlich nicht jeden Tag überall im Krankenhaus, aber ich mache Rundgänge und rede mit den Leuten. Da höre ich schon manchmal: ,Ich kann nicht mehr.‘
Sie bieten dann Hilfe an?
Debus: Wir haben in der Kreisklinik ein Gesprächsangebot mit einer Therapeutin, das man entweder alleine oder in der Kleingruppe wahrnehmen kann. Das ist freiwillig, kostenlos und während der Arbeitszeit. Speziell auf der Covid-Station gibt es zudem eine Supervision mit einem Coach für das gesamte Team. Ein Austausch passiert auch im kollegialen Gespräch in den Pausen. Viele machen das aber mit sich selber aus.

Das löst aber noch nicht das Problem einer hohen Arbeitsdichte.
Debus: Gold wert ist unser Springerpool mit acht Mitarbeitern, den wir schon vor dem Beginn der Pandemie eingerichtet haben. Wie eine Feuerwehr sind sie flexibel einsetzbar, wenn beispielsweise jemand wegen Krankheit ausfällt. Das schafft Entlastung. Und wenn es Pflegekräfte auf dem Markt gibt, darf ich die einstellen. Eine meiner Hauptaufgaben ist es, diese zu suchen. Wir werben deshalb fleißig im Radio und in den Sozialen Medien.
Gab es auch eine monetäre Anerkennung für die Arbeit des Pflegepersonals in der Pandemie?
Debus: In der ersten Welle gab es in Bayern 500 Euro für Pflegerinnen und Pfleger und 300 Euro für Pflegeschüler. Zudem hat der Bund 1000 Euro an alle gezahlt, die durch Covid besonders belastet waren, also auch Physiotherapeuten und medizinische Fachangestellte. Das galt aber nur Kliniken, die eine bestimmte Anzahl an Covid-Patienten behandelt haben.

Reicht das als Wertschätzung?
Debus: Die Leute haben sich darüber gefreut, aber wichtig sind eine dauerhafte adäquate Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen. Deshalb fand ich es schon komisch, dass es bei den Tarifverhandlungen im vergangenen Jahr mehrere Runden und sogar Streiks gegeben hat, bevor eine Einigung erzielt wurde. Das passt nicht zum Applaus von der ersten Welle. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Das Ergebnis hat gestimmt, es gab neben einer Gehaltserhöhung unter anderem eine neue Pflegezulage und eine Verdoppelung der Intensivzulage. Aber das Zögern der kommunalen Arbeitgeber hat viele verwundert. Wir hatten gedacht, dass es heißen würde: ,Ihr seid super Pflegende, da diskutieren wir nicht lange.‘

Das Interview führte Monika Meyer.