Sinnstiftend ja, Heldentum nein

14.05.2021 - Von: Claudia Weinig, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

Tag der Pflege. Der Leiter der Krankenpflegeschule der Rother Kreisklinik sieht im Pflegeberuf auch in Krisenzeiten eine erfüllende und vielseitige Aufgabe mit attraktiven Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Pflege bezeichnet Markus Hanekamp als einen für ihn „am meisten sinnstiftenden Beruf“, den er sich vorstellen kann. Trotz der Belastung, die vor allem während der Pandemie auch öffentlich augenscheinlich wurde.

Das Interview führte Claudia Weinig

Markus Hanekamp (36) leitet seit 2014 die Berufsfachschulen für Pflege, Krankenpflege und Krankenpflegehilfe an der Rother Kreisklinik. Davor hat er zu Beginn seiner Berufslaufbahn Gesundheits- und Krankenpfleger gelernt, war dann als Pflegekraft in der Urologie, auf der Intensivstation und der Geriatrischen Rehabilitation eingesetzt, ehe er sich weiterbildete zum Pflegepädagogen und Trainee bei Diakoneo. Von dort wechselte er vor sieben Jahren nach Roth. (Fotos: privat und Bildungszentrum)

H eute ist „Tag der Pflege“. Doch was spricht (noch) für diesen Beruf, dessen Angehörige seit Jahren über mangelnde Anerkennung klagen, obwohl sie gerade in der Corona-Krise an vorderster Front gegen Krankheit und Tod kämpfen? Darüber haben wir mit dem Leiter der Krankenpflegeschule der Kreisklinik Roth gesprochen.

Herr Hanekamp, in Zeiten der Pandemie wissen wir Gesunden, dass Sie täglich künftige „Helden des Alltags“ ausbilden – so die öffentlichen Bekundungen. Können Sie als gelernter Krankenpfleger und erfahrener Schulleiter mit dem Begriff „Helden des Alltags“ etwas anfangen?

Nein, nicht wirklich. Wenn ich google, so steht das Wort Held immer im Zusammenhang mit Krieg, was für mich Elend bedeutet. Aber Google zeigt auch folgendes Teilzitat an: „ (…) Bewunderung zollen.“ Ich bewundere meine Auszubildenden, dass Sie in dieser schwierigen Zeit ihren Mann/ihre Frau stehen und den Rücken für die Pflegebedürftigen noch gerader machen. Pflege ist für mich eine Kunst in Form einer Dienstleistung am anvertrauten Menschen und eine sehr sinnstiftende Arbeit, die mit Heldentum nichts zu tun hat!

Zeitgleich mit der öffentlichen Wertschätzung gingen aber auch Bilder durch die Medien, die Pflegende am Rande der Erschöpfung und darüber hinaus zeigen. Ist das die Wirklichkeit?

Ich sehe natürlich die schlimmen Bilder aus dem Ausland in den Medien, was mich sehr nachdenklich macht. Ich möchte mir nicht anmaßen, über die Arbeitsbelastung meiner Berufsgruppe in den vielfältigen Pflegeeinrichtungen in Deutschland zu urteilen. Für uns kann ich sagen, dass wir noch mit zwei blauen Augen davon gekommen sind. Zugleich konnte ich natürlich meinen Auszubildenden und den Kollegen und Kolleginnen auf den Stationen der Kreisklinik sehr wohl Sorgen und Müdigkeit ansehen.

Wenn dies zumindest ein Teil der Wirklichkeit ist – warum sollten junge oder auch ältere Menschen dann diesen Beruf überhaupt ergreifen wollen, der einen offensichtlich immer wieder an die eigenen Grenzen bringt?

Gute Frage. Auf den Punkt gebracht: Wenn man mit Menschen arbeitet, wird es niemals langweilig.

Ich habe Dinge erlebt, die ganze Bücher füllen könnten. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass der Pflegeberuf einer der am meisten sinnstiftenden Berufe in Deutschland ist. Jedem von uns wurde doch bestimmt schon einmal geholfen und daraus folgt in aller Regel eine große Dankbarkeit. Dies erleben wir in der Regel jeden Tag und das macht es aus. Außerdem ist es ein zukunftssicherer Beruf in unsicheren Zeiten, was für junge Menschen immer wichtiger wird. Die Welt ist undurchsichtiger und komplexer geworden. Da bringt ein sicherer und sinnerfüllender Beruf eine gewisse Beständigkeit mit sich.

Pflege = schlechte Aufstiegschancen und noch schlechtere Bezahlung. Auch das ist eine Rechnung, die in vielen Köpfen vorherrscht. Richtig oder falsch?

Definitiv falsch! Wer will, kann sehr schnell die Karriereleiter aufsteigen. So bin ich mit nur 30 Jahren Schulleiter geworden. Mir fallen spontan 40 Weiterbildungsmöglichkeiten nach der Pflegeausbildung ein. Ebenso gibt es eine Vielzahl von Studiengängen, die auch für Nicht-Abiturienten geöffnet wurden. Diese Vielfalt sucht in der Berufswelt ihresgleichen. Zum Gehalt: Bei uns werden Auszubildende nach Tarif bezahlt. Das bedeutet im Durchschnitt 1200 Euro brutto plus Schichtzulagen im Monat. Mit diesem Ausbildungsgehalt müssen wir uns wirklich nicht verstecken.

Können Sie sich erinnern, als Sie in die Krankenpflege gegangen sind, was damals für Sie persönlich der Grund war? Was ist davon über die Jahre hinweg geblieben?

Ich war Zivi auf einer Intensivstation in Ostfriesland. Dort habe ich gesehen und verstanden, welche Vielseitigkeit und Wichtigkeit dieser Beruf mit sich bringt. So kam es sehr schnell, dass ich meinen Ausbildungsplatz als Motorradmechaniker abgesagt habe und in die Pflegeausbildung gegangen bin. Alles richtig gemacht! Ich bin Pflegekraft geworden, weil ich Menschen helfen wollte. Jetzt helfe ich Auszubildenden, damit diese Menschen helfen. Ich habe einfach an einer anderen Stellschraube in der Pflege angesetzt. Nicht mehr und nicht weniger.

Finden Sie es sinnvoll, einen eigenen „Tag der Pflege“ zu haben?

Ach wissen Sie - das ist wie mit dem Mutter- oder Vatertag. Mütter und Väter leisten in der Regel das ganze Jahr wichtige Arbeit und genauso sollte die Pflege immer als wichtig anerkannt sein. Wenn der Tag der Pflege hilft, uns einmal im Jahr ins Gedächtnis zu rufen, dann kann es mir natürlich nur recht sein.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die Ihrer Ansicht nach ein Mensch mitbringen sollte, der in die Kranken- oder Altenpflege gehen will?

Eine gute Pflegekraft kann im Team arbeiten, ist empathisch, geistig flexibel und bringt eine gewisse Coolness für anspruchsvolle Situationen mit. Man muss eben in jeder Situation richtig handeln können.

Was wünschen Sie sich von Gesellschaft und Politik für die Krankenpflege? Oder auch für Ihre Schüler und Schülerinnen?

In punkto Gesellschaft: Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig das Gesundheitswesen ist, und dass es keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hatte selbst Patienten in Ostfriesland, die mich als selbstverständlich angesehen haben. Das ärgerte mich! In punkto Politik: Ich wünsche mir, dass es ein verpflichtendes Soziales Jahr für alle Geschlechter gibt, um einen Türöffner in soziale Berufe zu schaffen. So könnten wir genug Nachwuchs gewinnen. Auch ich bin so „hängengeblieben“. Meinen Auszubildenden wünsche ich viele schöne, lustige und vor allem menschliche Momente mit den ihren anvertrauten Patienten. Und ich wünsche ihnen, dass sie stolz auf ihren Beruf sind. Ich bin jedenfalls stolz auf sie!