Einen wirklich ungesunden Sport gibt es nicht

04.09.2021 - Von: Claudia Weinig, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

Der Chefarzt der Rother Kreisklinik und Spezialist für Gelenk-OP hält selbst intensives Training per se nicht für gesundheitsgefährdend.

Am Sonntag werden 1500 Männer und Frauen, dazu noch 300 Staffeln 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer radfahren und noch einen Marathon von gut 41 Kilometer n laufen. Hinter allen liegen monatelange Vorbereitungen, die schon jenseits des eigentlichen Rennens für Psyche und Physis eine echte Herausforderung sind. Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke müssen nicht nur beim Triathlon selbst Schwerarbeit leisten. Das klappt nicht immer. Die Folge: Verletzungen . Im fordernden Langdistanz-Triathlon passiert das genauso wie auch im ganz „normalen“ Freizeitsport. Was ist dran an dem flapsigen Spruch „Sport ist Mord“? Dazu nimmt Dr. Zakaria Abo Mostafa im Interview Stellung.

Herr Dr. Abo Mostafa - ist es aus ärztlicher Sicht vertretbar, sich solche Distanzen wie sie beim Challenge zu leisten sind, in einem anzutun?
Grundsätzlich besteht aus medizinischer Sicht nichts gegen Hochleistungssport, den ein Langdistanz-Triathlon nun mal darstellt.
Wichtig ist natürlich die gründliche Vorbereitung auf so ein herausforderndes Rennen, um auch die erwünschte persönliche Leistung einbringen zu können - und das mit einem möglichst geringen Verletzungsrisiko.

Was nicht vergessen werden sollte: Neben einem belastbaren Bewegungsapparat sollte man als Sportler und Sportlerin in Sachen Wettkampftauglichkeit auch ein Augenmerk auf ein gut funktionierendes Herz-Kreislauf-System haben. Das sollte, gerade im Hinblick auf sportliche Hochleistungen dieser Art, in jedem Fall gründlich untersucht werden.

Schwimmen und Radfahren gelten gemeinhin als gesunde Sportarten. Warum eigentlich? Wie sieht es mit Laufen aus?
Beim Schwimmen werden vor allem die Arm- und Rumpfmuskulatur gestärkt. Beim Radfahren in erster Linie die Beine. Beim Laufen ist der ganze Körper im Einsatz. Alle drei Sportarten bringen auch das Herz-Kreislauf-System im Schwung.

Die höchste Arbeitsleistung erbringt der Sportler beim Laufen, da beim Radfahren das Körpergewicht vom Rad und beim Schwimmen größtenteils vom Wasser getragen wird.

Zurück zu „gesunden“ Sportarten. Was zählen Sie dazu?
Theoretisch ist jede Sportart oder jede Bewegung sinnvoll und gesund.
Eine genaue Hit-Liste kann ich da als Arzt gar nicht aufstellen. Grundsätzlich sollte die gewählte Sportart individuell zum Athleten oder der Athletin passen. Prinzipiell sind Laufen, Walken, Schwimmen und Radfahren empfehlenswert.

Was zählt zu den „ungesunden“, den „Killersportarten“?
Das Wort ungesunder Sport passt für mich nicht. Man muss differenzieren, für wen welche Sportart am besten geeignet ist. Wer ohnehin schon ein lädiertes Kniegelenk hat, sollte beispielsweise Squash meiden, um nicht weitere Verletzungen zu riskieren.

Was sind die gesundheitlich bedenklichsten Fehler, die Sportler machen?
Ein ganz typischer Fehler ist, wenn man nach langer sportfreier Zeit unvorbereitet damit beginnt, intensiv Sport zu treiben - mit dem Gefühl, die ,verlorene‘ Zeit nachholen zu müssen. Mit Konsequenzen. Denn wer auf einmal zu viel will, bekommt oft schmerzhaft die Quittung durch seinen Körper präsentiert. Selbst im jungen Alter kann das zu Ermüdungsfrakturen führen oder zu ernsthaften Kreislaufproblemen. Daher ist eine gute Vorbereitung mit langsamer Steigerung der Belastung absolut sinnvoll.

Was sind die häufigsten Sportverletzungen? Warum?
Die häufigsten Sportverletzungen, die wir in der Klinik sehen, sind natürlich Verletzungen, die beim Freizeitsport passieren; vor allem durch Radstürze oder beim Fußball. Nun wäre es verkehrt, den Rückschluss zu ziehen, dass Radsport und Fußball besonders verletzungsanfällige Sportarten sind. Vielmehr liegt es daran, dass diese beiden Sportarten sehr beliebt sind und von vergleichsweise vielen Hobbyathleten betrieben werden.

Lassen sich Knie-OP vermeiden oder muss man sich immer auf das Skalpell einstellen, wenn „irgendwas“ im Knie kaputt ist?
Eine Operation ist nie das erste Mittel der Wahl. Vor einer OP gibt es noch etliche Alternativen. Stichwort: Physiotherapie. Primär besteht die konservative Therapie darin, eine Sportpause einzulegen. Mit Betonung auf „Pause“ und nicht zu verwechseln mit einem endgültigen „Aus“. Eventuell muss das Knie dafür auch ruhig gestellt werden. Eine gute Physiotherapie kann in vielen Fällen die Beschwerden soweit verringern oder sogar auf Null reduzieren, dass eine Operation vermieden werden kann. Das ist immer das oberste Ziel von Arzt und Therapeut. Zugegeben: Immer geht das leider nicht; gerade bei akuten Verletzungen. Dann kann manchmal wirklich nur noch eine OP helfen.

Sind Knie-Operationen komplizierter als andere Gelenkoperationen?
Knie-Operationen sind nicht komplizierter als andere Operationen. Das Kniegelenk an sich ist kompliziert. Von „Routineeingriffen“ will ich ohnehin nie sprechen, wenn es um Operationen geht. Jeder Mensch, jede Diagnose ist anders. Aber natürlich ist eine erfolgreiche Knie-OP auch eine Frage der Erfahrung des Operateurs.

Mit Blick auf den Langdistanz-Triathlon - was hat es auf sich mit dem Satz „Sport ist Mord“?
Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Sportart für einen selbst die richtige ist. Doch eines darf beim Training auch nie fehlen: Der Spaß dabei!
Es stimmt schon: Wer es mit dem Training übertreibt, muss - wenn nicht akut - vielleicht im fortgeschrittenen Alter mit Konsequenzen rechnen; also tatsächlich mit schwerwiegenden Knie- und Hüftproblemen. Dennoch bin ich überzeugt: „Sport ist nicht Mord“. Allerdings sollte man lernen, auf seinen Körper zu hören; er darf gefordert, aber eben auch nicht überfordert werden.

Foto: Operationssaal der Kreisklinik Roth.
Dr. Zakaria Abo Mostafaarbeitet ist seit gut einem Jahr als Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie in der Rother Kreisklinik tätig.
Der Mediziner ist ein erfahrener und ausgewiesener Experte für die Operation von Knie-, Schulter- und Hüftgelenken. Nach beruflichen Stationen in Weißenfels (Sachsen-Anhalt), Weiden und Hof in leitenden Funktionen und mit der erworbenen Facharzt-Qualifikation in Notfallmedizin, Hand- und Fußchirurgie sowie Kinderorthopädie wechselte er im Mai 2020 an die Rother Kreisklinik. Hier ist er einer von insgesamt sechs Chefärzten. (Fotos: Kreisklinik)